
Du hast einen Teller mit ausgebrochener Fahne oder eine Tasse mit fehlender Lippe und fragst dich, wie eine Ergänzung aufgebaut und in der Form angeglichen wird. Du lernst hier, welche Schritte von der Befundung bis zur Präsentation im Zusammenhang mit den Fehlstellen gehören und warum die neue Stelle lesbar bleibt, statt unsichtbar zu wirken.
Was bedeutet Ergänzen bei Geschirr aus Scherben?
Als Restaurierung bezeichnet man bei Kulturgütern die Wiederherstellung eines alten Zustands, der oft im Laufe der Zeit verloren gegangen ist. Die beteiligten Fachgebiete richten sich nach den zu restaurierenden Objekten, als Beispiele werden Baudenkmale, Tafelbilder, Wandmalereien, archäologische Funde, Musikinstrumente, Oldtimer und Filme genannt, sowie nach den angewendeten Techniken. Zu den genannten Arbeitsfeldern gehören Holz, Textilien, Malfarben, Stein, Keramik, Papier, Leder, Metall und Glas, sodass du dein Geschirr in diesem weiten Rahmen aus Keramik und Glas wiederfindest. Die Darstellung nennt als Beispiele für eine Restaurierung das Zusammensetzen einer zerbrochenen Skulptur und die Rückformung eines Korbs. Ergänzen heißt bei dir also nicht, ein neues Stück zu erfinden, sondern die vorhandene Substanz zu sichern und nur die Lücke so zu schließen, dass Rand, Wandung und Fuß wieder eine ruhige Linie bilden. Daneben steht die handwerkliche Restaurierung als beruflich ausgebildeter, wirtschaftlich orientierter Tätigkeitsbereich, besonders in der Altbausanierung und Baudenkmalpflege, aber auch in der Objektrestaurierung im privaten Markt, wo Handwerker mit traditionellen Techniken auf der Grundlage einer beruflichen Ausbildung arbeiten.
Warum bleibt die neue Stelle bewusst ablesbar?


Nach der Definition des internationalen Museumsverbands ICOM beschreibt der Begriff Restaurierung alle Handlungen, die die Wahrnehmung, Wertschätzung und das Verständnis für das Objekt fördern. Diese Maßnahmen werden nur dann ausgeführt, wenn ein Objekt durch vergangene Veränderungen oder Zerstörung Teile seiner Bedeutung oder Funktion verloren hat. Dabei gelten die Grundsätze des Respekts für das Original und seine Geschichte sowie der Reversibilität. Für dich heißt das, dass du die alte Bruchfläche achtest und nichts glättest, was zur Geschichte des Stücks gehört. Das Ergebnis sollte nach heutigem Verständnis neben der nach Stand der Technik ausgeführten Konservierung eine möglichst umfassende Lesbarkeit des Werks sein. Lesbarkeit meint, den heute vorhandenen Zustand aus der Werkgeschichte heraus zu verstehen und keinerlei interpretative Maßnahmen zu treffen, sondern jedem Betrachter zu ermöglichen, das Werk aus sich heraus zu begreifen. Der gewerbliche Restaurator steht dabei im Spannungsfeld dieser Leitbilder und des Wunsches des Auftraggebers nach einem intakten Werk, denn ein Gutteil aller Restaurierungen wird privat finanziert. Wenn du Scherben richtig fügst und Risse sicherst, legst du deshalb zuerst fest, wo alt endet und neu beginnt.
Wie liest du die Vorgeschichte vor dem Aufbau?
Einer der zentralen Arbeitsschritte ist hier die Objektforschung, also die Rekonstruktion der Werkgeschichte. Aus ihr lässt sich im Einzelfall entscheiden, welche Teile unbedingt erhaltenswert sind, welche geopfert werden können und sollen, um den Zugang zu früheren Fassungen zu ermöglichen, was zu entfernende Verschmutzung und was als Zeitzeugnis erhaltenswerte Patina des Objekts sind und welche Teile als entstellende Fremdkörper oder irreguläre Veränderungen nicht übernommen werden sollen. Übertrage das auf deinen Teller, indem du Kante für Kante prüfst, ob du Schmutz, alte Klebstoffreste oder verrußte Zonen siehst und wo die alte Glasur mit ihrer gewachsenen Oberfläche erhalten ist. Restaurierung setzt sich allgemein zusammen aus der Befundung der vorhandenen Substanz, dem Erarbeiten eines Konzepts über Vorgehensweise, Zielvorstellung und Methodik sowie der Reinigung und gegebenenfalls der Freilegung relevanter Fassungen. Eine Reinigung kann eine konservatorische Maßnahme darstellen, da eventuell aufliegende Schadstoffe entfernt werden, und auch geeignete Umgebungsbedingungen spielen eine Rolle im Sinne der präventiven Konservierung. Darüber hinaus gibt es Maßnahmen, die beide Bereiche umfassen können, zum Beispiel das Entsalzen einer Keramik, die Entsäuerung von Papier oder das Aufbringen eines Schutzüberzugs.
Welche Schritte gehören von der Befundung bis zur Sicherung?
Du arbeitest in einer festen Reihenfolge, weil jeder Eingriff die nächste Entscheidung trägt. Am Anfang stehen die Befundung der vorhandenen Substanz und ein Konzept über Vorgehensweise, Zielvorstellung und Methodik, ähnlich der Arbeit eines Architekten in der Restaurierungsberatung. Dann folgen Reinigung und gegebenenfalls Freilegung, danach die Sicherung als Konservierung im eigentlichen Sinne und die Präsentation der Substanz im Kontext der Fehlstellen und der sonstigen Umgebung eines Werks sowie die umfassende Dokumentation des Restaurierungsprozesses. Die Richtlinien für Restaurierung und Konservierung sind festgeschrieben im international gültigen Code of ethics, und einen Überblick über diese Grundsätze der Restaurierung und Konservierung findest du gebündelt erklärt. Die Seite zur Restaurierung nennt keine Mischverhältnisse oder Trocknungszeiten für Ergänzungen an Geschirr. Objekt der Restaurierung ist die Originalsubstanz des Objekts, streng genommen das Werk, wie es sich dem Restaurator im Moment des Restaurierungsbeginns präsentiert. Die moderne Restaurierung verfolgt das Ziel, durch möglichst auf ein Minimum beschränkte Eingriffe am Objekt die Erhaltungsbedingungen zu verbessern, und idealerweise bliebe ein zu restaurierendes Objekt vollkommen unberührt, wenn nicht das Aufhalten der alterungsbedingten Verfallserscheinungen und damit die Erhaltung des Werks an sich das Hauptziel jeder Konservierung wäre.
Wann wird aus einer Ergänzung eine Rekonstruktion?
Die Restaurierung beschränkt sich auf das Vorhandene, sie stellt nicht wieder her, was verloren ist, noch erneuert sie grundlegende Bestandteile, und sie versucht auch nicht, die Wunden der Zeit zu heilen. Nach wie vor wird in der Öffentlichkeit nicht zwischen Restaurierung und Rekonstruktion unterschieden, und viel zu selten auch zu Renovierung und Sanierung abgegrenzt. Das Leitbild der Öffentlichkeit wird noch heute im Satz „erstrahlt in neuem Glanze“ formuliert, ein Konzept, das nach dem Paradigma der Werkgeschichte nicht haltbar und selten durchführbar ist. In den Anfängen verstand man unter der Wiederherstellung eines Bauwerks oder eines Kunstwerks in einen früheren als ursprünglich betrachteten Zustand, teils am materiellen Bestand orientiert, teils an einer zugeschriebenen Bedeutung, wie die Neugestaltung des Speyerer Doms in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zeigt, und diese Vorstellung führte zu den Ausbauten etwa des Kölner Doms oder des Ulmer Münsters. Der Begriff wurde in den 1830er Jahren durch Eugène Viollet-le-Duc geprägt, für den Restaurierung die Herstellung eines ursprünglich gedachten, vollkommenen Zustands war, der möglicherweise so nie existiert hatte. In den 1840er Jahren widersprach der englische Gelehrte John Ruskin, für den Restaurierung den Denkmalwert verfälschte und Konservierung eine Restaurierung unnötig machen sollte. Konservieren, nicht Restaurieren war um 1900 die Forderung Georg Dehios, der maßgeblich am Aufbau der Denkmalpflege in Deutschland beteiligt war. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Restaurierung nach und nach auch als Konservierung verstanden, und diese Auffassung wurde 1964 in der Charta von Venedig niedergelegt.
Wie gelingt der Formangleich ohne Täuschung?
Beim Formangleich führst du die neue Kontur an die alte heran, ohne die alte zu überformen. Du prüfst im Streiflicht, ob Fahne, Spiegel und Rand in einer Ebene laufen, und du tastest mit den Fingern, ob die Wandung ohne Stufe in die Ergänzung übergeht. Dabei bezieht der Restaurator insbesondere seine eigene Arbeit mit ein, alle Schritte, die er durchführt, sollen möglichst von der Nachwelt aus dem Werk selbst ablesbar sein, um späteren Fehlinterpretationen vorzubeugen. Klassisches Beispiel dafür ist die Neutralretusche oder das Tratteggio, eine Retuschiermethode, die im Istituto superiore per la conservazione ed il restauro in Rom von Cesare Brandi entwickelt wurde, um Fehlstellen im Original so weit zurückzunehmen, dass sie den Blick des Betrachters nicht vom eigentlichen Bildinhalt ablenken, aber dem näher Hinschauenden sofort offenkundig werden. Daraus leiten sich heute auch die Präsentationsmethoden ab, die schmerzliche Verluste am Original keinesfalls kaschieren, sondern nüchtern dokumentieren, aber doch ein geschlossenes Zustandsbild zeigen, in dem die Originalsubstanz selbst der vorrangige Eindruck ist. Begriffe wie Originaltreue oder Werkverständnis spielen keine Rolle mehr, allenfalls spricht man von Werktreue und meint damit einen naiven Zugang, der Werk, Schöpfer und spätere Beiträge aus ihrer Zeit heraus respektiert und verbietet, Verbesserungen vorzunehmen, sofern sie nicht den Primärzielen der Konservierung und Lesbarkeit dienen. Dort, wo Unzulänglichkeiten bekannt sind oder der Anschein einer Fälschung droht, sind kontrastierende Arbeitsmittel und modernste Methodik Mittel der Wahl. Wenn du danach Linien und Farben angleichst und Muster schließt, halte die Retusche zurück, damit die Ergänzung aus der Entfernung ruhig wirkt und aus der Nähe als Hinzufügung erkennbar bleibt.
Was hältst du nach der Arbeit für die nächste Generation fest?
Heute ist die Reversibilität des Eingriffs eine der Hauptanforderungen. Diese strenge Forderung ist die Lehre aus den Restaurierungen des 19. und 20. Jahrhunderts, die durchweg schwerwiegende negative Folgen gezeigt haben, so macht bei einer heutigen Restaurierung im Allgemeinen das Rückgängigmachen von früheren Eingriffen in das Werk den Großteil des Arbeitsaufwandes aus, und auch ein Gutteil der Verluste ist nicht auf natürliche Alterung, sondern auf seinerzeit wohlgemeinte Eingriffe zurückzuführen. Die enormen Entwicklungen der Arbeitsstoffe und Methoden haben gezeigt, dass jede auch heutige Restaurierung, die Substanzen in das Werk einbringt oder es mechanisch berührt, schon nach einigen Jahrzehnten nur noch als zeitgenössischer Kompromiss angesehen werden kann. Dort, wo Reversibilität nicht möglich ist, ist präzise Dokumentation gefordert, um wenigstens über einen Bericht die Werkgeschichte geschlossen zu halten. Weil Alterungserscheinungen aller Art im heutigen Verständnis als Werkgeschichte Teil des Objekts geworden sind, kann eine Restaurierung auch nicht das Einfrieren eines Status quo sein: zentrales Anliegen ist daher, das Werk in seiner Alterung unter Kontrolle zu halten, es nachfolgenden Generationen zu ermöglichen, technisch heute noch nicht Leistbares umzusetzen und ihnen dabei so wenig Probleme wie möglich zu bereiten, aber so viel wie möglich zu erhalten. Der Begriff der Derestaurierung beziehungsweise Zurückrestaurierung bezeichnet den Versuch, eine als fehlerhaft erkannte Restaurierung rückgängig zu machen. Außerdem ist zwischen primär dekorativen Objekten wie Bildern, Skulpturen und Wandmalerei und funktionellen Objekten wie Möbeln und Fahrzeugen zu unterscheiden: soll der Gebrauchswert erhalten werden, sind rekonstruktive Maßnahmen meist auch in einer akademisch strengen Restaurierung unumgänglich.
Die Seite Restaurierung bei Wikipedia erklärt Restaurierung als Wiederherstellung eines alten Zustands bei Kulturgütern und unterscheidet sie von der Konservierung im Sinne der ICOM-Definition. Sie beschreibt die Geschichte von Viollet-le-Duc über Ruskin und Dehio bis zur Charta von Venedig, die Grundsätze von Respekt für das Original, Reversibilität, Lesbarkeit und Dokumentation sowie Fachgebiete von Tafelbildern und Wandmalerei bis zu Keramik und Glas. Lege deine Scherben in Reihenfolge, skizziere Bruchverlauf und Fehlstelle und gleiche diese Notizen mit den Abschnitten zu Begriff, Geschichte und Berufsbild ab.
