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Scherbe und NahtPorzellan, Keramik und Glas verstehen

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Glas: Schliff, Bruch und Pflege im Überblick

Scherbe und Naht · · 4 Beiträge

Der Hub zu Glas erklärt Schleifen, Polieren, Kleben und Pflegen von Pokalen und Figuren sachlich und verständlich für Vitrinen und Sammlungen.

Geschliffene Glasschale im Tageslicht auf dunklem Holztisch mit Polierunterlagen daneben
Geschliffene Glasschale im Tageslicht auf dunklem Holztisch mit Polierunterlagen daneben.

Du erfährst hier, warum Glas sich beim Schleifen, Kleben und Pflegen anders verhält als Porzellan oder Keramik und worauf du bei Sammlungsstücken in der Vitrine achtest. Der Schlüssel liegt im amorphen Aufbau ohne Kristallgitter, im Verhalten beim Abkühlen aus der Schmelze und in wenigen Kennwerten zu Dichte, Wärme und Festigkeit.

Was dein Glasstück physikalisch ist

Das Wort Glas kommt aus dem germanischen glasa für das Glänzende und Schimmernde und meinte auch Bernstein. Heute steht es als Sammelbegriff für eine Gruppe amorpher Feststoffe, die beim Abkühlen aus einer Schmelze im Bereich der Glasübergangstemperatur fest werden, ohne zu kristallisieren. Die Atome oder Moleküle ordnen sich dabei nicht in einem Kristallgitter, sondern die ungeordnete Struktur der flüssigen Phase bleibt erhalten. Für dich als Sammler bedeutet das einen klaren Unterschied zu gebrannten Scherben. Du hast keinen Kristall vor dir, sondern einen isotropen festen Stoff, der durch Unterkühlen einer Schmelze erzeugt wird. Die Wikipedia-Seite beschreibt zusätzlich Sol-Gel-Prozesse und Stoßwellen als Wege zur Herstellung. Beim Erstarren können sich zwar Kristallkeime bilden, doch für einen weitreichenden Kristallisationsprozess bleibt nicht genug Zeit. Der atomare Aufbau lässt sich deshalb mit einer hochviskosen Flüssigkeit vergleichen.

Warum bleibt Glas klar und was bedeutet das für deine Pflege?

Im Alltag meinst du mit Glas meist transparente Silikatgläser wie Trinkgläser und Fenstergläser, die überwiegend aus Quarzsand und damit aus Siliciumdioxid bestehen und zu den anorganischen Gläsern gehören. Durchlässig für Licht bleibt ein solcher Stoff, wenn die hindurchtretende elektromagnetische Strahlung in diesem Wellenlängenbereich weder durch Kristallgrenzen abgelenkt noch durch freie Elektronen absorbiert wird. Darum siehst du Schlieren, Kratzer und blinde Stellen sofort, weil jede Störung den Weg des Lichts verändert. Der Name Glas wird zugleich unspezifisch und generisch gebraucht, auch für durchsichtige Körper aus anderen Stoffen als Siliciumdioxid. Dazu zählen Brillengläser aus Kunststoff, Gewächshausglas, auch wenn es aus Kunststoffplatten besteht, das Schauglas eines Kaminofens aus spezieller Keramik und der Glaskörper eines Auges. Amorph erstarrte Metalle heißen metallisches Glas. Natürlicher Bernstein und transparente Kunststoffe wie Acrylglas gelten als organische Gläser. Viele Kunststoffe, besonders thermoplastische Polymere wie Polymethylmethacrylat als Plexiglas, fallen wegen ihres amorphen Aufbaus und eines Glasübergangs ebenfalls in die Kategorie Gläser, obwohl ihre chemische Zusammensetzung völlig anders ist als bei Silikatgläsern. Sie werden oft als organisches Glas bezeichnet.

Welche Familie steht in der Vitrine und im Geschirrschrank?

Die Einteilung unterscheidet metallische Gläser und nichtmetallische Gläser, dort organische Gläser und anorganische nichtmetallische Gläser, weiter nichtoxidische Gläser und oxidische Gläser. Zu den nichtoxidischen Gläsern gehören Halogenidgläser und Chalkogenidgläser, zu den oxidischen Phosphatgläser, Silikatgläser, zum Beispiel Quarzglas, Boratgläser, Alumosilikatgläser, Bleisilikatgläser, Alkalisilikatgläser, Borosilikatgläser, Alkaliboratgläser und Alkali-Erdalkalisilikatglas, zum Beispiel Kalk-Natron-Glas. Was diese Familie im Inneren zusammenhält, erklärt die Netzwerkhypothese. Der Stoff, der die Grundstruktur bestimmt, heißt Netzwerkbildner. Neben Siliciumoxid können das auch Bortrioxid und nichtoxidische Stoffe wie Arsensulfid sein. Auf Oxide beschränkt erfüllen unter anderem Phosphorpentoxid als P2O5, Siliciumdioxid als SiO2 und Bortrioxid als B2O3 die Bedingungen zur Netzwerkbildung. Reine Einkomponentengläser sind sehr selten. Reines Quarzglas hat als einziges Einkomponentenglas wirtschaftliche Bedeutung, weil zu seiner Erzeugung Temperaturen über 2000 Grad nötig sind. Für gewöhnliches Gebrauchsglas als Kalk-Alkali-Glas, im engeren Sinn gebräuchlicher als Kalk-Natron-Glas, gelangen Natriumoxid oder Kaliumoxid und Calciumoxid als Netzwerkwandler in das Gerüst. Sie reißen die Netzwerkstruktur auf, indem sie Bindungen am Brückensauerstoff in den Siliciumoxid-Tetraedern öffnen, worauf der Sauerstoff statt der Atombindung mit Silicium eine deutlich schwächere Ionenbindung mit einem Alkaliion eingeht. Zwischenoxide wie Aluminiumoxid können je nach Zusammensetzung als Bildner und als Wandler wirken, also das Netzwerk verfestigen oder schwächen, doch allein können sie kein Glas bilden.

Warum fließt altes Glas nicht nach unten?

Die Behauptung, Glas sei eine sehr zähflüssige Flüssigkeit, weil seine Atome im Gegensatz zu anderen Feststoffen nicht geordnet wären, ist wissenschaftlich nicht haltbar. Auch nach Jahrzehnten oder Jahrhunderten fließt Glas nicht. Wenn du an historischen Gläsern Schlieren oder eine Verdickung an der Unterseite siehst, geht das auf damalige Herstellungsprozesse wie den Fourcault-Prozess zurück. Detaillierte Erklärungen zu Aufbau und Eigenschaften von Glas helfen dir, solche Spuren richtig einzuordnen und nicht mit Alterung zu verwechseln. Die Wikipedia-Seite zu Glas nennt keine Klebstoffe oder Schleifmittel für die Vitrine. Trotz des nicht definierten Schmelzpunkts sind Gläser Festkörper. In der Fachsprache heißen sie nichtergodisch, weil sich ihre Struktur nicht im thermodynamischen Gleichgewicht befindet.

Was geschieht zwischen Schmelze und festem Glas?

Bei der Abkühlung aus der Schmelze bildet sich keine Kristallstruktur. Der Übergangsbereich zwischen Schmelze und Feststoff heißt Transformationsbereich und liegt bei vielen Glasarten um 600 Grad. Im Laufe der Abkühlung nimmt die Viskosität stark zu, als äußeres Zeichen einer zunehmenden inneren Struktur ohne regelmäßiges Muster. Der Zustand der Schmelze im Transformationsbereich ist ebenso wie der des erstarrten Glases amorph. Am kühlen Ende des Transformationsbereichs liegt ein thermodynamischer Übergang mit dem Namen Glasübergang. Dort wandelt sich die Schmelze in den festen glasartigen Zustand, den das Glas auch bei weiterer Abkühlung behält. Der Glasübergang zeigt eine sprunghafte Änderung des Ausdehnungskoeffizienten und eine Abnahme der spezifischen Wärme Cp. Diese Abfolge aus Transformationsbereich und Glasübergang ist charakteristisch für alle Gläser, auch für solche wie Plexiglas aus Kohlenwasserstoffen. Der amorphe und viskose Zustand im Transformationsbereich wird beim Glasblasen genutzt, weil er beliebige Verformung erlaubt, ohne dass Oberflächenspannung und Gravitation das Werkstück sofort zerfließen lassen. Im Jahr 2023 wurden Kenntnisse, Handwerk und Fähigkeiten der handgefertigten Glasproduktion von der UNESCO für mehrere Staaten in die Repräsentative Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit aufgenommen.

Wie ordnest du Dichte, Wärme und Festigkeit für deine Sammlung ein?

Ein Kalk-Natron-Glas hat eine Dichte von 2500 kg pro Kubikmeter, ein Schwerflintglas SF59 von 6260 kg pro Kubikmeter. Schon in der Hand spürst du deshalb, ob du ein leichtes Gebrauchsglas oder ein schweres Bleiglas vor dir hast. Die Wärmeleitfähigkeit liegt bei Kalk-Natron-Glas bei 0,80 W pro Meter und Kelvin, bei Quarzglas bei 1,38 und bei Zerodur bei 1,46 in derselben Einheit. Elektrisch bleibt Glas bis etwa 600 Grad ein Isolator. Die thermische Ausdehnung beträgt bei Kalk-Natron-Glas 9,0 mal 10 hoch minus 6 je Kelvin, bei Borosilikatglas 3,3 mal 10 hoch minus 6 je Kelvin, bei Quarzglas 0,57 mal 10 hoch minus 6 je Kelvin und bei Zerodur unter 0,1 mal 10 hoch minus 6 je Kelvin. Die Druckfestigkeit wird mit 900 MPa angegeben, der Elastizitätsmodul mit 70000. Für deine Vitrine heißt das: Zurückhaltung bei Hitze, Kälte und Stoß, weil Ausdehnung und Sprödigkeit zusammenhängen. Wenn du Kanten nacharbeiten willst, lies zuerst die Hinweise zum Schleifen und Polieren von Glas, bevor du ein Stück berührst, und wenn ein Sprung durch die Wand läuft, hilft dir die Einordnung zum Kleben von Glasbruch mit ruhiger Fuge, um Spannung und Fugenbild zu verstehen.

Wann lässt du Schliff, Klebung und Pflege lieber stehen?

Die heute allgemein anerkannte Deutung der Struktur stammt aus der Netzwerkhypothese, die W. H. Zachariasen im Jahr 1932 aufstellte und B. E. Warren im Jahr 1933 experimentell bekräftigte. Danach liegen im Glas grundsätzlich dieselben Bindungszustände oder Grundbausteine wie in einem Kristall vor, bei silikatischem Glas also SiO4-Tetraeder, die aber im Gegensatz zum Quarzkristall ein regelloses Netzwerk bilden. Bindungswinkel und Abstände sind nicht regelmäßig und die Tetraeder sind verzerrt. Glas hat damit nur eine Nahordnung in Form der Tetraeder, jedoch keine kristalline Fernordnung. Gerade die Verbindungen mehrerer Grundformen in mittlerer Reichweite sind schwer zu analysieren, weil Gläser für röntgenographische Untersuchungen nur schwer zugänglich sind und weil strukturbildende Prozesse teilweise bereits in der Schmelze beginnen, wo hohe Temperaturen die Untersuchung zusätzlich erschweren. Auch die Definitionen ringen mit dieser Eigenart. Gustav Tammann schrieb 1933 in „Der Glaszustand“: Im Glaszustand befänden sich die festen, nicht kristallisierten Stoffe. Die ASTM schlug 1945 vor, Glas sei ein anorganisches Schmelzprodukt, das im Wesentlichen ohne Kristallisation erstarre. Franz Eugen Simon gab bereits 1930 eine thermodynamische Fassung als eingefrorene unterkühlte Flüssigkeit. Der Glaswissenschaftler Horst Scholze prüfte diese Versuche und sah in jedem Versuch Berechtigung und Schwäche, weil Tammann auch Kieselgel einschließe und die Beschränkung der ASTM auf anorganische Stoffe angesichts bekannter organischer Gläser bedenklich sei. Die Kommission für Terminologie der Sowjetunion definierte Gläser als alle amorphen Körper, die durch Unterkühlung einer Schmelze entstehen, unabhängig von der chemischen Zusammensetzung und vom Temperaturbereich der Verfestigung, die durch allmähliche Zunahme der Viskosität mechanische Eigenschaften fester Körper annehmen, wobei der Übergang aus dem flüssigen in den Glaszustand reversibel sein müsse. Diese Bindung an die Schmelzphase gilt heute ebenfalls als bedenklich, weil auch der Sol-Gel-Prozess amorphe Festkörper und Gläser hervorbringen kann. Einige Forscher sahen die Besonderheit so stark, dass sie vom vierten Aggregatzustand zwischen Festkörper und Flüssigkeit sprachen. Nimm dir für dein Stück zehn ruhige Minuten bei Tageslicht, drehe es ohne Druck in der Hand, notiere Form, Gewicht, Kantenbild und alle Sprünge und vergleiche erst danach Familie, Kennwert und Herstellspur, bevor du über einen Eingriff entscheidest.

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